
An einem Glycerinmolekül hängen drei Fettsäuren, von denen
es eine ganze Menge verschiedener in der Natur gibt. Man unterscheidet
- gesättigte Fettsäuren (mit lauter Einfachbindungen zwischen den
Kohlenstoff-(C)-Atomen) und
- ungesättigte Fettsäuren, wie zum Beispiel die Ölsäure,
die Linolsäure und die Linolensäure (siehe obige Abbildung).
Ungesättigt heißen diese Fettsäuren, weil sie
aufgrund ihrer
Doppelbindungen
zwischen den Kohlenstoff-(C-)Atomen noch nicht vollständig mit Wasserstoff-
(H-)Atomen abgesättigt sind.
Und auf diese ungesättigten Fettsäuren kommt es im wesentlichen
an. Doppelbindungen sind - entgegen der Erwartung des Laien - sehr viel weniger
stabil als Einfachbindungen und werden relativ leicht oxidiert,
z.B. durch Sauerstoff. Begünstigt wird dieser Prozeß noch durch
die Einwirkung von Licht (vor allem UV). Bei dieser Oxidation entstehen Querverbindungen
zwischen einzelnen Öl-Molekülen. Sie vernetzen in allen drei Dimensionen
des Raumes untereinander und bilden dadurch riesige Makromoleküle. Die
sind nun nicht länger flüssig oder weich, sondern werden mit zunehmender
Vernetzung immer zäher, härter und chemisch inerter (reaktionsärmer).
Diesen Prozeß, der für alle im Holzblasinstrumentenbau zu verwendenden
Öle wichtig wäre, nennt man meistens - etwas ungenau - die
Verharzung
des Öles. Der schwer exakt zu bestimmende Begriff Verharzung
wird in diesem Zusammenhang für die Bezeichnung eines Prozesses genutzt,
den man besser Trocknung nennen würde. Alle Öle, die
viel ungesättigte Fettsäuren enthalten, werden über kurz oder
lang verharzen (trocknen). Sie erinnern sich sicherlich an die klebrigen Reste
am Hals ihrer Salatölflasche, oder nicht? Bestimmte Öle verharzen
schneller als andere. Manche tun das allerdings nie, unter Garantie. Traurig
ist es, wenn eben diese zwar geruchsfreundlichen aber nichttrocknenden
Öle zum Schutz von Holzblasinstrumenten angewendet werden, wie dies immer
wieder mangels besseren Wissens geschieht. Zu diesen wenig nützlichen
Ölsorten gehören sämtliche
Paraffinöle
aus der eingangs genannten ersten Hauptgruppe der Öle, den mineralischen
Ölen. Die Hersteller und Vertreiber solcher Produkte mögen es mir
verzeihen, wenn ich vom Gebrauch dieser Öle im Instrumentenbau abrate.
Sie geben zwar dem Holz einen gewissen Schutz vor Feuchtigkeit, sind aber
unter klanglichen Aspekten weniger gut geeignet. Auch halten sich diese Öle
nicht lange in den Poren des Holzes, da viele ihrer Bestandteile flüchtig
sind oder vom Kondenswasser ausgewaschen werden können. Liest man in
alten Büchern nach (aus Zeiten vor der Nutzung des Erdöls
also), so findet man dort fast ausschließlich das
Leinöl
erwähnt. Viele Jahrzehnte und bald Jahrhunderte lang hat man dieses billig
aus Flachs zu gewinnende und reichlich vorhandene Öl für alle möglichen
Holz-Veredelungs-Zwecke verwendet. Auch findet man in diesen Büchern
bereits Erwähnung, daß dieses Leinöl bald zu verbrauchen sei,
wegen des sich schnell einstellenden, unangenehmen (ranzigen)
Geruchs. Dieser entsteht durch die Spaltung der Öle in seine Bestandteile,
darunter einige geruchsintensive mehrfachungesättigte Fettsäuren
(Trangeruch).
Den meisten ist Leinöl allerdings nur in der modifizierten Form des Firnis
bekannt. Dieses besteht aus mit Metalloxiden (Cobalt, Mangan, Blei, Cadmium)
verkochtem Leinöl. Eben jener (Schwer)Metallgehalt im Leinölfirnis
läßt jedoch von der Verwendung abraten. Für die Zwecke, die
wir im Auge haben, verwendet man deshalb lieber das native, kaltgepreßte,
frische Leinöl. Außer Leinöl gibt es mindestens ein weiteres,
gleichwertiges Holzblasinstrumententaugliches Öl, das ist das Hanföl,
welches aufgrund dubioser Hanf-Anbauverbote lange Jahre nicht zu erhalten
war, jetzt aber wieder den Markt erobert. Auf der Suche nach der am
besten geeigneten Ölmischung für unsere Instrumente gibt es
noch ein weiteres Kriterium zu beachten.
Ohne Luft geht nichts !
Wie man in den vergangenen Abschnitten einige Male lesen konnte, spielt
im klanglich so wichtigen Trocknungsprozeß der Sauerstoff eine große
Rolle. Das deutet darauf hin, daß das Hineinlegen in ein Ölbad
(und sei es ein Leinölbad) nicht optimal sein kann. Wieder aus der Sicht
des Holzwurmes läßt sich sagen, das Öl muß in Form eines
ultradünnen Filmes alle Innenwandungen überziehen, sodaß durch
die Holzporen noch immer Luftsauerstoff hinzutreten kann, um die Oxidation
und damit die Verharzung in Gang zu setzen. Wie nun bringe ich das Öl
in die Tiefe des Holzes, ohne zugleich alle Poren mit ebendemselben Öl
zu verstopfen?
Lösungs-Mittel Citrusterpen
ist hier die Lösung, im wahrsten Sinne des Wortes. Citrusterpen ist
ein natürliches, leicht flüchtiges (und Vorsicht: leicht entzündliches)
Lösungsmittel und wird aus pflanzlichen, ätherischen Ölen gewonnen.
Es bringt sozusagen die Lösung unseres Problems mit sich. Als extrem
dünnflüssigeTrägersubstanz dringt es tief ins Holz ein, nimmt
dabei (entsprechend der Verdünnung) die Öligen Bestandteile mit,
welche nach dem Abdampfen des Lösungsmittel als hauchdünner überzug
auf allen äußeren und inneren Oberflächen zurückbleiben.
Nach dem Verschwinden des Lösungsmittels sind die Poren und Kanäle
bis ins Innere des Holzes wieder frei und lassen einzelne Luftmoleküle
passieren. Der Oxidation und Verharzung steht nichts mehr im Wege. Selbst
tiefer gelegene Holzfasern werden im Laufe der Jahre vom Öl erreicht
und können verharzen. Im Idealfall sollte die Harzoberfläche so
hart und widerstandsfähig werden wie Bernstein (wohl das bekannteste
Harz). Auf der Innenseite der Instrumente (in der Bohrung) bewirken die Ölig-harzigen
Bestandteile ein gutes Abfließen des Kondenswassers und verhindern das
schwammige Aufgetriebenwerden der Holzwandung.
Auch Zeit und Geduld sind wichtige Werkzeuge
Natürlich braucht der Verharzungsvorgang Zeit. Er kann durch die Hinzugabe
oberflächenvergrößernder Mineralien oder bestimmter Trockensubstanzen
beschleunigt werden (s.o.). So lautet eine durchaus geeignete Mischung für
unser Holzblasinstrumentenöl:
Leinöl + Hanföl (alle kaltgepreßt) + Citrusterpen + Quarz
+ Geduld.
Regelmäßiges Aufbringen geringer Mengen dieser Ölmischung
führt im Laufe von Monaten und Jahren zu einem feuchtigkeitsresistenten
Holz, welches jedoch zu keiner Zeit mit großen Mengen resonanzdämpfender,
Öliger Bestandteile befrachtet ist, und nach geraumer Zeit zu einem durch
und durch ausgeharzten, klangkräftigen weil obertonreichen Instrumentenkorpus
führt. Dies bedeutet eben auch, daß jedes Instrumentenholz zu Anfang
noch recht empfindlich ist und dementsprechend vorsichtig behandelt werden
muß. Die maximale Oberflächengüte des Holzes ist sicher erst
nach einigen Jahren erreicht. So sollte jedes Instrument in seinen Kindheits-
und Jugendjahren regelmäßig geölt werden.
Der Ölvorgang
Das Aufbringen selbst geschieht zweckmäßigerweise mit alten aber
fusselfreien Baumwoll-Lappen, die in die Ölmischung getaucht und dann
durch das Instrument hindurchgezogen werden (am besten mit einem Alu-Flötenwischstab).
Nach circa einer Viertelstunde muß zuviel aufgebrachtes Öl (welches
noch nicht vom Holz aufgesaugt werden konnte) wieder mit einem weiteren, trockenen
Läppchen entfernt werden. Alle Lappen und Lappenreste, die mit dem Öl
in Berührung gekommen waren, sollten in nicht brennbaren Gefäßen
eingeschlossen werden oder an der Luft ausgebreitet getrocknet werden. Sie
sind zwar nicht giftig (im Gegenteil: Kaltgepreßtes Lein- und Hanföl
können Sie auch zur Herstellung Ihrer Salatsoße benutzen), aber
in Verbindung mit Cellulosefasern (Baumwolle) leicht selbstentzündlich.
Die Innenbohrung eines relativ neuen Instrumentes empfehle ich etwa alle zwei
bis drei Monate zu Ölen; wenn das Instrument nach und nach älter
wird, dann ist es immer seltener zu Ölen, bis hin zu Jahresabständen.
Auf der Außenseite genügt es, einmal pro Jahr (bei der Generalüberholung
z.B.) das Holz oberflächlich satt mit der Ölmischung einzureiben,
und wie oben erwähnt, eine Viertelstunde später wieder trockenzupolieren.
Dabei werden auch alte und schmierige Verkrustungen (Handfett und -Schweiß),
die vom Öl angelöst wurden, gründlich entfernt. Achtung! Das
Öl soll nicht in die Bohrungen der Böcke gelangen. Dort würde
es unweigerlich zu kleben beginnen.
Selbstverständlich gab es auch schon unzählige Versuche, die Instrumente
durch
Lackieren
vor allen Gefahren der Feuchtigkeit zu schützen. In jenen Fällen,
da ausschließlich die Innenbohrung lackiert wurde (meist mit Zweikomponenten-
Kunstharzlacken) hat man durchaus beachtliche Erfolge erzielt, auch in klanglicher
Hinsicht. Leider ist selbst die beste Innenlackierung nicht ewig haltbar.
Die Feuchtigkeit dringt vor allem am Stirnholz (in den Herzen und an den Zapfenenden
sowie in den Tonlochkaminen) ins Holz, unterwandert nach und nach die Lackoberfläche,
was zu Fäulnis oder zum Abplatzen der Lackschichten führen kann.
Die Innenbohrung sieht dann nach mehr als zehn Jahren wie angefressen aus.
Dies deckt sich nicht unbedingt mit der Idealvorstellung einer spiegelglänzend
glatten Innenbohrung. (Lackierungen auf der Außenseite der Instrumente
haben fast immer die Funktion, kleinere Fehler im Holz zu überdecken,
da vor allem aus wirtschaftlichen Gründen bei preisgünstigeren Instrumenten
nicht nur absolut fehlerfreies Holz verwendet werden kann. Dies sei nur der
Vollständigkeit halber erwähnt.)
Und falls jetzt noch jemand Fragen hat zur Geruchsbelästigung: Diese
Ölmischung riecht in erster Linie nach Zitronen und Orangen und kann
jeden Bläser in Höchststimmung versetzen. Meinen Sie nicht auch,
dies könnte der Musik zuträglich sein?
Nachbemerkung:
Wer sich die oben genannte Ölmischung selbst herstellen möchte,
denke daran, immer nur kleine Mengen (im Reformhaus oder Naturkostladen) einzukaufen,
weil das Öl schnell altert (verharzt). In dunklen Flaschen hält
sich das Gemisch - luftdicht verschlossen - einige Monate. Einmal angebrochen
sollte es zügig aufgearbeitet werden. Es läßt sich ja durchaus
auch zur Pflege von Möbeln oder Holzfußböden verwenden.
Martin Schöttle, Artikel für die Zeitschrift "rohrblatt",
Juli 1998
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