Resonanzverbesserungen oder
Rotkäppchens Suche nach dem Bösen Wolf
Seit geraumer Zeit haben wir uns auf Resonanzverbesserungen
an Holzblasinstrumenten (vorzugsweise bei Klarinetten und Saxophonen) spezialisiert
und bieten diese auch in unseren Ausschreibungen mit an. Dabei werden immer
wieder ähnliche Fragen gestellt, sodass ich mich entschlossen habe, dieses
umfangreiche Spezialgebiet des Holzblasinstrumentenbaus einmal möglichst
kompakt in einem Artikel für Jedermann darzustellen.
Es handelt sich bei Resonanzverbesserungen auch keineswegs um eine Fachdisziplin,
die im Instrumentenbau gang und gäbe wäre. Vielmehr scheint es eher
ein Phänomen aus der Märchenwelt zu sein: Man weiß nicht so
genau, ob es wirklich existiert ?!
Dieses Problem ist begründet, da wir bei den Verfahren zur Resonanzverbesserung
nur selten auf objektive Messvorrichtungen zurückgreifen können.
Im Gegenteil kommen wir fast ganz ohne Maschinen und Apparate aus. Wichtigste
Messinstrumente sind unser Gehör und unser direktes Spielgefühl.
Und da das Hören und das Fühlen eindeutig subjektiv sind, kann man
sich streiten, ob da nun nach einer Veränderung am Instrument tatsächlich
etwas verbessert ist oder auch nicht.
Je häufiger wir jedoch Instrumente zur Überprüfung vorgelegt
bekamen oder Gelegenheit hatten, aus diesen herauszuholen, was nur möglich
ist, um so mehr fanden sich Verbesserungsmöglichkeiten. Dieser Lernprozess
hat mittlerweile dahin geführt, dass wir bereits unsere Instrumental-Schüler
auf derlei akustische Effekte aufmerksam machen und sie für ihre eigenen
Instrumente sensibilisieren können. Es ist wie bei diesen allseits bekannten
Suchbildern: Wo hat sich nur der Böse Wolf versteckt?. Man
guckt und guckt, dreht und wendet das Bild, sieht nur das Rotkäppchen
oder die Großmutter, schaut schief darauf und wieder gerade; und plötzlich
springt er einen an, da ist der Wolf, jetzt hab ich ihn. Von da an gelingt
es nimmermehr, diesen Wolf im Bild zu übersehen. Er ist einfach da. Genauso
ergeht es uns hier in unserer Werkstatt. Wir haben den Wolf gesehen (oder
besser gehört), und er springt uns immer wieder an, nämlich immer
dann, wenn wir ein Holzblasinstrument spielen hören, sei es live oder
von CD. Wir beißen uns an den kranken Tönen fest, freuen uns über
gelungene Verbesserungen und sind erstaunt, wenn mal wieder jemand bei uns
in der Werkstatt steht und den Wolf nicht gleich findet. Ach Großmutter,
was hast du nur für große Augen? Er starrt dem Wolf oft mitten
ins Gesicht und erkennt ihn dennoch nicht.
Doch wer einmal selbst den Unterschied fühlen konnte, erkennt von da
an (um in unserem Bild zu bleiben) den Wolf in jeder Verkleidung .
Nun spreche ich die ganze Zeit von wir und möchte uns doch
wenigstens kurz vorstellen:
1) Markus Blaschko, Holzblasinstrumentenmachermeister seit
1998, Klarinettist und Saxophonist. Erst seit einem Jahr wurde er mit dem
Phänomen der Wolfssuche konfrontiert und hat sich inzwischen zu einem
wahren Großwildjäger entwickelt.
2) Martin Schöttle (der diese Zeilen
auch schrieb), Klarinettist, Naturwissenschaftler und mittlerweile auch Klarinettenmacher.
Jetzt aber weiter im Text!
Dass es immer eine Detektivarbeit bleibt, die Quelle irgendwelcher unliebsamer
Resonanztrübungen in Instrumenten ausfindig zu machen, wollen wir hier
ausdrücklich betonen. Und dass wir nicht immer in einem Moment für
alle Probleme auch schon Lösungsvorschläge haben.....
Unsere konkreten Arbeitsfelder
Folgende Teilbereiche des Holzblasinstrumentenbaus beziehen wir in die
Resonanzverbesserung mit ein:
1) Intonation (der Registerweiten)
Innerhalb dieses großen Feldes unterteilen wir dann noch in
a) Anpassungen über das Tonlochnetz (wo und wie groß sind die Tonlöcher?)
b) Anpassungen über Bohrungsverläufe (keine Klarinette ist wirklich
streng zylindrisch gebohrt!)
c) Anpassungen über Schräglochbohrungen u.ä.
2) Dämpfungen
Auch hier unterteilen wir in einzelne Teilbereiche
a) Störschwingungen (unharmonische Frequenzen)
b) unmittelbare Schalldämpfungen (z.B. durch Polster)
c) Tonlochdämpfungen
d) Spielerfinger
Nicht zuletzt sind natürlich spieltechnische Fähigkeiten der Bläser
mit entscheidend, wie tragfähig ein Holzblasinstrument am
Ende tatsächlich ist. Dieser entscheidende Bereich sei hier in diesem
Artikel bewusst ausgeklammert.
Flötisten, Oboisten und Fagottisten mögen es mir verzeihen, dass
ich im Folgenden ziemlich klarinettozentrisch sein werde. Schließlich
ist es das Instrument meiner Wahl. Nichtsdestotrotz sind die gewonnenen Erkenntnisse
weitgehend übertragbar.
Begriffsentwirrung
Musiker sprechen häufig in einer Sprache, die für den Laien sehr
verwirrend, ja, manchmal gar mystisch klingt.
Begriffe wie hell und dunkel haben sich längst
als uneindeutig erwiesen, versteht manch einer unter hell eher
scharf und unter dunkel eher dumpf. Auch
Begriffe wie Klangstärke (Klanggröße) oder Tragfähigkeit
sind noch wenig geklärt. Wir wollen hier einen Vorstoß wagen.
Hell und Dunkel:
Im Sinne der physikalischen Akustik ist ein Ton immer dann hell,
wenn er zahlreiche Obertöne besitzt und diese auch quantitativ einen
großen Anteil am Gesamtklangspektrum einnehmen.
Entsprechend ist ein dunkler Ton ein solcher, welcher quantitativ
nur wenige Obertöne hat, bzw nur schwach ausgeprägte Obertöne.
Ein einfaches Beispiel bildet der Vergleich zwischen Klarinette und Oboe.
Unabhängig von klanglichen Tendenzen in die eine oder andere Richtung
wird eine Oboe immer heller klingen als eine Klarinette, weil
die Oboe geradzahlige und ungeradzahlige Obertöne in ihrem Klang
vereinigt, wohingegen die Klarinette auf die geradzahligen fast vollständig
verzichten muss.
Nicht nur die quantitative Verteilung der Obertöne wirkt sich auf die
Klangqualität von Holzblasinstrumenten aus, sondern auch die qualitative.
Dies bedeutet konkret, dass die individuellen Lagen der Obertöne zueinander
(harmonisch oder dissonant) entscheidend den Klangcharakter prägen.
Jeder einzelne Teilton eines Gesamtklangs interferiert (wechselwirkt) mit
jedem anderen Teilton. Es bilden sich eben Interferenzen bzw.
Kombinationstöne. Wie real die letztgenannten am Klanggeschehen teilhaben,
wird deutlich, wenn zwei Klarinetten beispielsweise im Terzabstand die höheren
Lagen erreichen, sodass auch der Kombinationston in hörbare Bereiche
gelangt. Es klingt zuweilen, als wäre eine Hummel oder Biene noch mit
im Zimmer. Anhand dieser Kombinationstöne, die nichts anders sind als
überdurchschnittlich deutliche Schwebungen, lassen sich die
Terzen (oder auch jedes andere harmonische Intervall) sauber ausstimmen. Noch
deutlicher aber treten diese Kombinationstöne in Erscheinung, wenn die
geblasenen Intervalle unsauber sind. Die Kombinationstöne passen dann
nicht mehr in das Obertonspektrum hinein, sie fallen förmlich heraus,
treten als störende oder einfach falsche Nebentöne in
Erscheinung. Je mehr nicht-harmonische Teilkomponenten an einem Gesamtklang
beteiligt sind, um so mehr störende Nebenfrequenzen treten auf.
Vereinfacht gesagt wirkt ein obertonreicher (heller) Gesamtklang
immer dann angenehm und weich, voll und
weittragend, wenn die einzelnen Komponenten sich möglichst
harmonisch in die Teiltonreihe einfügen, sprich, wenn die Zahlenverhältnisse
der Teilfrequenzen möglichst ganzzahlig sind. In diesem Fall kann es
kommen, dass ein akustisch als hell definierter Ton (weil obertonreich)
von manchen Zuhörern dann doch wieder als dunkel bezeichnet
wird, wohl eher mit gewissen Assoziationen zu einem Glas vollmundigen, dunkelroten
Weines. Und schon ist die Verwirrung perfekt.
Die Klarinettisten der sogenannten alten Detmolder Schule (noch
aus Zeiten von Prof. Jost Michaels) galten als Hellbläser,
was nicht immer nur wohlwollend gemeint war. Nichtsdestoweniger war das Ziel,
eine möglichst große Tragfähigkeit zu erzielen
genau mit jenem hellen Beiklang erkauft. (Heute wissen wir: Vieles
lag dabei auch an den Instrumenten!) In einem Konzert unseres damaligen Bläser-Oktetts
Anima in Musica in Mannheim, stürzte sich ein Mannemer Klarinettenstudent
nach den letzten verklungenen Tönen auf meinen Kollegen Günther
Weigel und mich und fragte: Wie schafft ihr es nur, so dunkel zu blasen!
Vielleicht, lieber Leser, sehen Sie jetzt ein bisschen mehr die allgemein
herrschende Verwirrung im Umgang mit diesen Begriffen?
Was bedeutet nun das Wörtchen tragfähig?
Es soll sagen, der Ton sei fähig, über große Strecken des
Raumes hinweg gehört zu werden, egal ober er laut oder leise geblasen
wird. Der Ton trägt also sich selbst bis in den hintersten
Winkel des Raumes. Wie kann das sein? Akustisch werden die Töne nur hinsichtlich
ihres Schalldruckes analysiert: Hoher Schalldruck bedeutet laut,
niedriger Schalldruck bedeutet leise. So einfach ist das. Ist
es aber doch nicht! Die Eigenschaft, den Raum ohne allzugroße Verluste
(Dekrement) zu durchdringen, ist vor allem auch von der Frequenzen der beteiligten
Teiltöne abhängig.
Teiltöne in harmonischer Beziehung zueinander erfahren eine größere
gegenseitige Resonanzverstärkung. Dies gilt sowohl für jene Anteile,
die im Instrument unmittelbar für die Tonentstehung verantwortlich erscheinen
als für die im Raum sich bildenden stehenden Wellen. Vereinfacht ausgedrückt
könnte man sagen, der Raum ist ein Teil des Resonanzkörpers und
damit auch ein Teil des Instrumentes selbst.
Sind im Gesamtklangspektrum zahlreiche unharmonische Komponenten enthalten,
treten wesentlich mehr auslöschende und energiezehrende Störfrequenzen
auf. Nicht nur, dass auch der Zuhörer mit einer gewissen inneren Anspannung
auf derartige Störeinflüsse reagiert, sondern auch der Bläser
bekommt diese Trübungen unmittelbar zu spüren. Er meint, sein Blatt
schwinge heute nicht besonders gut, sein Instrument sei vielleicht gar undicht,
oder er selber sei nicht gut drauf. Es dürfte alles miteinander in Beziehung
stehen. Selbst das Wetter bleibt dann nicht verschont.
Kehren wir nun zu unserer Zielsetzung der Resonanzverbesserung
zurück. Wir streben bei allen Manipulationen im Instrumentenbau einen
akustischen Zustand an, der möglichst obertonreich (akustisch: hell)
und möglichst harmonisch (tragfähig) in der Lage der
Teiltöne zueinander ausgebildet ist.
Resonanzverbesserung meint also im Wesentlichen zwei Effekte:
1) Vergrößerung der Tragfähigkeit (subjektiv manchmal als
größere Schallkraft, Sonorität wahrgenommen).
2) Verringerung des bläserischen Aufwandes
Mittel und Wege zum Ziel
Damit sind die Wegweiser gesteckt. Nicht immer kennen wir dann schon die
geeigneten Mittel zum Zweck. Hier komme ich auf die oben angeführte Unterteilung
unserer Arbeitsfelder zurück.
Intonation (-> Intonationsanalysen)
Hier ist die relative Frequenzlage der natürlichen Register gemeint.
Das heißt, dass über dem tiefen e (dem kleinen) einer
Klarinette möglichst ein gut stimmendes h und ein (wenn überhaupt
denkbar) reines gis angesiedelt ist. Klarinettenmacher wissen,
dass dies selten optimal gelöst ist. Vor allem bei den aufwendigen Orchesterinstrumente
(Voll-Oehler-Klarinetten), die im professionellen Bereich geblasen werden,
klafft hier eine besonders große Lücke:
Durch das Hinzufügen der Bechermechanik für tief e und f glaubte
man, auf die bohrungsmäßige Korrektur der Teiltonintervalle für
diese längsten Töne der Klarinette eher verzichten zu können.
Abweichungen der natürlichen Duodezime (ohne Überblasklappe erzeugt)
erreichen manches Mal einen Wert von mehr als +20ct, was laut den Untersuchungen
von Walter Krüger (siehe rohrblatt Nr....) bereits zu einer beträchtlichen
Einbuße an Klangstabilität führen muss. Hier kann auch eine
zusätzliche Klappe über einem zusätzlichen Loch nur noch die
Tonhöhenkorrektur bewirken, der Ton selbst ist leider in seiner Klangsubstanz
reichlich mangelhaft, lässt viele Wünsche offen (ganz abgesehen
von enetuellen Deckungsproblemen!). Boehm-Klarinettisten haben es da leichter.
Ihre Instrumente verzichten bewusst auf diese Hilfsmittel zur Intonationskorrektur.
Hier sind Korrekturen im Bereich der Hauptbohrung und der Tonlochausgestaltung
von mehr Erfolg gekrönt, weil sich die Intonationsverbesserungen auch
klanglich und ansprachemäßig positiv auswirken.
Dieser Prozess des Registerabgleichs muss im Prinzip für jeden einzelnen
Ton der gesamten Skala wiederholt werden. Es zeigt sich bereits hier, dass
dies keine einfache Arbeit ist, die nur am Zeichentisch oder Computer zu bewältigen
wäre. Wir haben in den letzten Monaten verschiedene Vorgehensweisen erprobt
(Bohrungsveränderungen, Schräglochbohrungen etc.), die einen einigermaßen
gezielten Einfluss auf die Registerweite jedes einzelnen Tonloches ermöglichen.
Ein nach den oben genannten Prinzipen konzipiertes Instrument sollte eigentlich
so klingen, wie wir uns das laut unserer obersten Zielsetzung vorstellen,
weittragend, klangstark und dennoch voll und weich.
Wenn da nicht die Mechanik wäre !
Zu einem früheren Zeitpunkt haben wir bereits darauf hingewiesen,
welchen Einfluss Mechanik und Klappenteile auf den Klarinettenklang ausüben
(rohrblatt Nr.....). Es ist nicht länger wegzudiskutieren, dass alle
mechanischen Teile der Klarinette auf die eine oder andere Art an der Gestaltung
des Gesamtklanges beteiligt sind. Dieser Einfluss beginnt bei der Materialwahl,
bei der Dichte und Festigkeit der verwendeten Metalle, geht dann über
verschiedene Kombinationswirkungen (selbst im molekularen Bereich: z.B. Nickel
und Silber vertragen sich schwingungsmäßig nicht besonders gut...),
über gewollte und ungewollte Schwingungs-Koppelungen einzelner beweglicher
Teile bis hin zur Auswahl des Polstermaterials und der verwendeten Kleb- und
Füllstoffe.
Ich kann mir vorstellen, dass jetzt manch einer der erfahrenen Holzblasinstrumentenmacher
den Kopf schüttelt. Nun, entgegne, ich, probieren Sie einfach einmal
alle die Dinge aus, von denen hier die Rede ist. Vielleicht finden Sie auch
Gefallen an der Wolfsjagd?
Fest im Griff ?
Ist es uns möglich, all diese so vielfältig wechselwirkenden
Komponenten richtig einzuschätzen und in den Griff zu bekommen?
Hier wollen wir deutlich einschränken: Es ist uns nach Jahren des Probierens,
Suchens und Findes möglich, gewisse Prognosen zu machen und sie auch
ziemlich erfolgreich in die Tat umzusetzen. Aber wir versprechen nicht, alle
Probleme je lösen zu können. Denn am Ende steht auch immer das Kosten-Nutzenverhältnis,
welches wir nicht aus den Augen verlieren dürfen. Das soll selbstverständlich
nicht bedeuten, dass wir keine Zeit hätten für neugierige Kollegen,
die sich ernsthaft für diese Suche nach dem immer klarerern Ton unserer
Holzblasinstrumente interessieren.
Konkretes
Um unliebsame Interferenzen möglichst zurückzudrängen,
haben wir uns angewöhnt, auf vollkommen spielfreie Achslager zu achten
bzw. diese nach Möglichkeit durch Lagerbuchsen aus Kunststoff oder Grenadill
zu entschärfen.
Des Weiteren trachten wir im Klarinettenneubau danach, die Dimensionen einzelner
Klappen möglichst gedrungen zu halten, lange Kipphebelklappen
durch Drehhebelklappen zu ersetzen, sodass die langen Stangen mehrfach gelagert
werden können.
Wir verwenden gerne zur Polsterung unsere in Portugal hergestellten Quarzresonanzpolster
oder besonders hochwertige Lederpolster. Und wir gehen sehr sorgfältig
mit allen Arten von Dämm-Materialien um (Kork etc.).
Das Ergebnis
unserer Bemühungen kann sich in den meisten Fällen wahrlich hören
lassen. Wir haben aus diesem Grund inzwischen ein Klarinettenensemble (das
Ensemble ClarÍssono eben) gegründet, das uns Gelegenheit gibt,
auf selbst überarbeiteten Instrumenten unser Wissen um den klaren
Ton an die Öffentlichkeit zu tragen.
Martin Schöttle, Artikel für die Zeitschrift "rohrblatt",
Mai 2001
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