Vom rechten Zeitmaß

Den Dingen auf den Grund zu gehen ist eines meiner liebsten Hobbies. Deshalb habe ich mir schon seit eh und je Gedanken gemacht über die einfachste und effektivste Art, schwierige Stellen zu üben, bis zur vollständigen Beherrschung. Trotzdem bin ich erst seit kurzem auf für mich wesentliche Neuerungen gestoßen, die ich mittlerweile auch meinen Klarinettenschülern zu vermitteln versuche. In meiner musikalischen Vergangenheit gab es eigentlich nur einen Kollegen, der mir schon damals, während des Studiums diesen etwas eigenartigen Weg aufzuzeigen versuchte. Das war Thomas Leins. Er meinte, wenn Du nur früh genug anfängst und dann immer wieder ganz langsam übst, die Stellen endlos oft wiederholst, ohne einen Fehler zu machen, dann kannst Du sie eines Tages in fast jedem beliebigen Tempo spielen.. Nun, ich möchte diese Aussage etwas abändern:
Es gibt fast keine unspielbaren Stellen, wenn Du das rechte Zeitmaß findest. Was dies im einzelnen bedeutet, möchte ich hier beschreiben.

Eine kleine Geschichte

Jüngst las ich eine winzige, aber aufschlußreiche Anekdote von einem alten Indianer, dem die Segnungen der Zivilisation noch nicht zu nahe gekommen waren. Er befand sich auf einem seiner zahllosen Wege durchs weite Land, als er zum ersten Mal in seinem Leben beschloß, sich von einem freundlichen Autofahrer mitnehmen zu lassen, der am Straßenrand gehalten hatte. Nach kurzer Wegstrecke jedoch bat er den Fahrer anzuhalten. Er stieg aus. Die Frage des besorgten Autofahrers nach dem Grund dieses doch ungewöhnlichen Verhaltens beantwortete er damit, daß er auf seine Seele warten müsse, die noch nicht nachgekommen war. Später möchte ich wieder auf diese nette Geschichte zurückkommen.

Erste Erfahrungen

Vor mehr als fünfzehn Jahren probierte ich zum ersten Mal aus, was passieren würde, wenn ich ein und dieselbe Fingerbewegung wohl an die tausend Mal wiederholte. Es handelte sich darum, daß mein rechter Mittelfinger sich stets reflexartig im vordersten Gelenk durchzudrücken pflegte, sobald ich den rechten Ringfinger heben wollte (Triller d”-e”). Es war so eine Art Rückstoßreaktion, die eine souveräne Kontrolle über die Fingerbewegung kaum zuließ. Unregelmäßige Sechzehntel waren die Folge. Nun gut, gesagt, getan. Das Experiment dauerte insgesamt nur wenige Minuten, während derer ich langsamst , wie in Zeitlupe den rechten Finger aus eigener Muskelkraft anhob, bei vollkommener Passivität aller anderen Finger und der Hand. Von da an war dieses spezielle Problem wie durch einen Zauber gelöst. Seitdem weiß ich auch um den Wert systematischer Fingerübungen, wie ich sie im Studium bei Prof. Michaels ansatzweise kennengelernt hatte.

Langsamer

Ich gehöre zu jener Gruppe von Musikern, die nur in wenigen Ausnahmefällen ihre Schüler zu schnellerem Spielen auffordern. Wenn andere im Laufe eines Lehrerlebens jene kurze Sentenz “noch mal!” als die am häufigsten verwendete bezeichnen, so ist es bei mir das Wörtchen “langsamer”.
Immer und immer fordere ich die Geduld meiner Schüler (und damit auch meine eigene) heraus, indem ich sie sozusagen “ausbremse”. Dem soll noch eine weitere kleine Begebenheit folgen:
Vor ca. 10 Jahren spielten Kollegen und ich in Louxembourg ein Konzert - Bohuslav Martinu zu Gedenken. Als ich zu den letzten Proben vor Ort in den Konzertsaal kam, saß da ein Klavierspieler am Instrument und schlug behutsam einen Finger nach dem anderen auf die Tasten. Meine erste (gedankliche) Reaktion auf die Zeitlupenbewegungen dieses (wie ich später merkte) einzigartigen jungen Pinanisten war: “Der kann ja überhaupt nicht Klavier spielen. So was Primitives!” Schublade zu! Dieser Gedanke war - wie so oft - übereilt. Ich bin seitdem vorsichtiger und zurückhaltender geworden und versuche, Urteile möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen. Oft genug habe ich mich getäuscht und mußte die Schubladen wieder und wieder umräumen. Dieser junge Pianist zeigte im Konzert, was alles in ihm steckte. Und wie ich eingangs erwähnte, daß ich gerne den Dingen auf den Grund gehe, so habe ich bei mir gedacht, vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser phantastischen Fingerfertigkeit und dem unsäglich langsamen üben?

Kontroverse Meinungen

Natürlich wurde ich auch mit konträren Ansichten konfrontiert. Prof. Gerhard Albert, seinerzeit Assistent von Prof. Michaels, versuchte uns Studenten weiszumachen, daß er immer gleich im endgültigen Tempo übe, und daß dies auch für uns ratsam sei. Warum er das wollte (und wie er das genau machte) ist mir nie ganz klar geworden. Aber er war ein sehr netter und immer hilfsbereiter Menschenfreund, und deshalb ging ich gerne zu ihm.
Dann gibt es da noch die Genies. Das sind diejenigen Klarinettisten (oder auch andere Instrumentalisten), denen anscheinend ohne großes üben alles zufällt, die offensichtlich alles von der Wiege an können und schon deshalb keine Notwendigkeit sehen, eine schwierige Stelle etwas langsamer anzugehen. Meinen Neid habe ich oft zu überwinden versucht, indem ich mir sagte, daß ich mit meinem hartnäckigen und ausdauernden übenmüssen durchaus auch ein ganz bestimmtes Ziel erreichen könnte, was jenen Genies manchmal (ein klitzekleinwenig) zu fehlen scheint:, nämlich die Intensität des Wollens und Sehnens.

Souveränität

Dies ist der entscheidende Faktor: Die Souveränität. Die Langsamkeit folgt sozusagen in ihrem Schlepptau. Deshalb muß letzten Endes gelten: übe in Souveränität und finde das dafür geeignete rechte Zeitmaß. Das kann ganz einfach bedeuten, daß es darauf ankommt, das richtige übetempo, die geeignete Metronomzahl für den ersten Anfang zu finden.Ich selber höre dabei (meistens) auf meine innere Stimme, die ein perfekter, nicht zu übertreffender Lehrer ist. Wie oft schon tönte es aus mir: Noch langsamer! Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb auch meine Schüler dies immer wieder zu hören bekommen... Dieses langsame üben wende ich nun seit geraumer Zeit mit großem Erfolg an. Man könnte sagen, je langsamer ich beginne, je mehr Geduld ich zu Beginn aufbringe, umso besser das Ergebnis (und um so schneller ist es tatsächlich erreicht).

Praktische Erfahrungen

In den vergangenen Jahren habe ich viel im Theater ausgeholfen, wirklich sehr oft. Im letzten Fall wurde ich donnerstags angerufen, freitags früh zur ersten Probe zu kommen, mit Hauptprobe am Samstag und Generalprobe am Sonntagmorgen, um das Sinfoniekonzert am Sonntagabend mitzubestreiten. Das war in Bezug auf das hier angesprochene Thema meine extremste Erfahrung. Drei russische Komponisten standen auf dem Programm: 2. Violinkonzert von Prokofiev, 1. Klavierkonzert von Rachmaninov und 1. Sinfonie von Schostakovich. Jenes letztgenannte Werk vor allem fordert auch von der zweiten Klarinette einige wenige Soli, die es aber durchaus in sich haben.
Ich wußte, daß mir insgesamt nur ca. sechs Stunden zum üben zur Verfügung stehen würden (neben den Proben). So begann ich die zwei wichtigsten Soli (im vierten Satz) zu üben. Langsam, so langsam, daß das Ziel in unerreichbarer Ferne schien. Vorgegeben sind Viertel = 192. Ich begann bei Achteln = 96, d.h viermal so langsam. Es war ein weiter aber erfolgreicher Weg, wenn auch zuletzt im Konzert nicht alle Töne zu 100% am richtigen Platz saßen, so war es doch immerhin zufriedenstellend - für den Dirigenten, der selbst Klarinettist ist, wie ich später erfuhr, und deshalb auch für mich!

Genaueres

Worauf also kommt es an?
Für das Kommende gehen wir von einem konkreten Beispiel aus, nämlich jener einen gewissen Stelle aus dem Poulenc-Duo für die A-Klarinette. Mir hatte es jedenfalls Schwierigkeiten gemacht, sie in einem angemessenen Tempo zu spielen.
(Siehe Notenbeispiel)
Speziell ein und denselben Fingerablauf mehrmals hintereinander wiederholen zu müssen, kann einem schon Hirnläuse einbringen. Mir fiel insbesondere das gleichzeitige Loslassen von Mittelfinger und kleinem Finger schwer, wie überhaupt das Anheben der Finger weitaus mehr Probleme bereiten kann als das Aufsetzen auf Klappen oder Tonlöcher. Beim ersten wirklich genauen Hinsehen habe ich bemerkt, daß ich in meinem Kopf überhaupt kein klares Bild speziell von diesem einen Bewegungsablauf hatte. Eben darauf kommt es aber an: Ich muß in der Lage sein, den Bewegungsablauf bereits im Voraus erspüren zu können und zwar in all seinen Aspekten. Ich muß im Voraus den Folgeton hören können, mein inneres Bild des ganzen Vorganges muß so exakt sein, daß ich diese Stelle im Geiste gleichzeitg von den Noten lesen, greifen und hören kann, mit allen Nuancen.

Vorstellungen

Häufig ist es die innereVorstellung, die einfach zu langsam arbeitet oder zu ungenau ist. Und da sich die Vorstellung erst im konkreten Tun herausbilden kann (denn wem wird schon die Kenntnis des Poulenc-Duos in die Wiege gelegt), muß bereits das allererste Tun perfekt sein. Der Bewegungsablauf muß so langsam erfolgen, daß ich Gelegenheit habe, meinen Körper, meine Finger, meine ganze Wesenheit zu beobachten, ohne daß mir etwas entgeht. Am besten nehme ich mir die Zeit, diese Beobachtungungen über einen großen Zeitraum beizubehalten. Im Falle der oben erwähnten Stelle hab’ ich mir insgesamt mehrere Wochen Zeit gelassen, bevor ich daran ging, die Stelle nach und nach ins Tempo zu bringen.
Schon immer habe ich festgestellt, daß die Finger hernach noch weitaus schneller spielen können, als meine Vorstellung dies jemals vorgeben konnte. Doch ist es - langfristig gesehen - mein Ziel, daß die Vorstellung (als ein Akt des Geistes und der Empfindung) ebenso schnell ist wie meine Finger. Nur so werde ich in der Lage sein, jeden Ton mit der ihm zugedachten Energie an den ihm gebührenden Platz zu setzen, die Musik vollständig “auszufüllen”.

Geduldig warten

Im konkreten Fall kann es schon mal bedeuten, daß man einfach warten muß (dabei keineswegs untätig sein), bis sich die Vorstellung in der nötigen Schärfe einstellt. Denn wenn ich etwas zu erzwingen versuche, werde ich die Früchte meiner Saat ernten: So, wie ich ein Stückchen Musik anlege, so bleibt es mir im Gedächntis, so werde ich es später einmal wiedergeben, mit allen Verkrampfungen, allen fixen Ideen, aller Verzweiflung, aller Mißlaune, die mich beim üben begleitet hat. So gehören demnach zum erfolgreichen üben auch die Lust und Freude daran, eine lebensbejahende Grundhaltung überhaupt, und unendlich viel Geduld mit mir selber.

Keine Frage ist es, daß es nicht jedesmal gelingt, den von mir vorgeschlagenen Weg der Geduld auch selbst zu gehen. Ganz oft sogar verliere ich die Geduld. Deshalb kommt es für mich fast mehr darauf an, mit mir alleine an mir selber und an meiner geistig-seelischen Verfassung zu arbeiten, mein Geduldigseinkönnen zu üben, als unbedingt stundenlang nur die Klarinette zu traktieren.

Um auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen: Das rechte Zeitmaß (Tempo) zu finden muß sich an genau jenem Bewegungsablauf orientieren, der die größten Schwierigkeiten bereiten würde, falls man zu rasch beginnen wollte. Er gibt als das schwächste Glied in der Kette das übetempo für den Anfang vor. Alle anderen, weniger dramatischen Ereignisse, Fingerabläufe etc. ordnen sich dem unter und geben uns Gelegenheit zur Entspannung.

Nun, da ich das alles wohl weiß, sollte mich nichts mehr daran hindern, meine Fingerfertigkeit, meine allgmeinen klarinettistischen Fähigkeiten bis zu exzessiver Perfektion vorwärtszutreiben. Andererseits gibt es noch viele andere Dinge im Leben, um die es sich zu kümmern durchaus lohnt (wie zum Beispiel die Familie und die Freunde). Denn auch im Leben geht der besser, der langsam geht. Wie jenem Indianer sollte uns daran gelegen sein, daß unsere Seele nicht auf der Strecke bleibt.

Martin Schöttle, Artikel für die Zeitschrift "rohrblatt", Mai 2001



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